Volksgesundheit: Auch die kleinste Menge Alkohol kann dem Fötus schaden!

In einer Studie der Berliner Charité gaben 58 Prozent der befragten Schwangeren an, in der Schwangerschaft gelegentlich Alkohol zu trinken.
Die Folgen des Alkoholkonsums während der Schwangerschaft sind deutlich zu erkennen, denn in Deutschland werden jedes Jahr 10.000 alkoholgeschädigte Kinder geboren, wovon 4.000 Kinder das Vollbild des Fetalen Alkoholsyndroms (FAS) oder auch Alkoholembryopathie, einer schweren geistigen und körperlichen Behinderung, aufweisen. Nicht gerechnet die gering ausgeprägten Formen einer Alkoholschädigung, die sich z.B. nur als Konzentrationsstörungen bemerkbar machen. Naturgemäß ist die Dunkelziffer hoch und nicht abschätzbar.

Äußerlich erkennbare Anzeichen des FAS sind zum Beispiel Kleinwuchs, Untergewicht, Kleinköpfigkeit oder eine mangelhafte Muskelentwicklung. Es gibt typische Gesichtsveränderungen wie beispielsweise schmale Lidspalten, ein kurzer Nasenrücken, eine Hautfalte am inneren Augenwinkel und schmale, mangelhaft ausgeformte Lippen. Die Mittelrinne zwischen Nase und Oberlippe ist oft wenig bis kaum ausgebildet. Es treten oft auch Fehlbildungen innerer Organe auf wie zum Beispiel Herzfehler, Auffälligkeiten des Genitales und der Harnwege. Auch geistige Schäden sind häufig feststellbar.

Kinder mit FAS weisen nicht selten Entwicklungsverzögerungen auf, haben Probleme mit dem Hören, Sprechen oder Lernen, sind hyperaktiv, haben eine gestörte Feinmotorik oder Schlafstörungen. Manche Kinder werden autistisch oder das genaue Gegenteil, sehr vertrauensselig und distanzlos. Viele der betroffenen Kinder sind emotional instabil oder aggressiv, können sich in die Gesellschaft nicht einfügen. Viele Behinderungen treten auch erst Jahre später in Erscheinung.

Welche Organe des Embryos geschädigt werden, hängt von der Entwicklungsstufe des Fötus bei der Aufnahme des Alkohols ab. Körperliche Fehlbildungen können in manchen Fällen operativ korrigiert werden, und Frühförderung kann Entwicklungsdefizite teilweise ausgleichen, doch eine Heilung der Kinder ist nicht möglich.
Nur etwa 20 Prozent der mit dem Fetalen Alkoholsyndrom diagnostizierten Kinder sind später in der Lage selbständig zu leben. Die übrigen 80 Prozent sind ein ganzes Leben lang auf Betreuung angewiesen.
Trotz solch erschreckender Zahlen wird FAS kaum thematisiert, obwohl FAS die häufigste Behinderung bei Neugeborenen in Deutschland darstellt. Sie tritt doppelt so häufig wie das Down-Syndrom auf, ist aber im Gegensatz dazu zu 100 Prozent vermeidbar!

Laut Drogenbeauftragter der Bundesregierung, Sabine Bätzing, gibt es keinen sicheren Grenzwert für ungefährlichen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft.
Das Kind ist übrigens dem Alkohol in gleichem Maße ausgesetzt, wie die trinkende Mutter, kann ihn aber viel schlechter abbauen und hat daher stärker unter dem Alkoholkonsum zu leiden. Im Vergleich zur Mutter baut der Fötus den Alkohol mit einer Leistung von nur 4 Prozent ab. Ein vollständiger Alkoholverzicht in der Schwangerschaft ist somit unabdingbar.

Leider ist das Bewußtsein um die Existenz des Fetalen Alkoholsyndroms, sowohl bei Schwangeren als auch bei Hebammen und Ãrzten nicht ausreichend ausgeprägt, denn sonst würde Alkoholgenuß in der Schwangerschaft nicht so oft verharmlost, oder gar nicht erst wahrgenommen werden.
Viele Schwangere erliegen dem Vorurteil, ein Gläschen in Ehren könne dem Fötus nicht schaden. Besonders Frauen aus der Mittelschicht würden diesem Irrtum besonders oft erliegen.
Bätzing fordert deshalb, dass Aufklärung, Beratung und Prävention in der Schwangerschaftsvorsorge optimiert werden müssen. Es reiche nicht, eine rhetorische Frage zum Thema Alkohol zu stellen, die das Nein automatisch mit einschließt. Die Charité, die diese Studie durchgeführt hat, empfiehlt aufgrund der Ergebnisse, die Einführung freiwilliger Fragebögen, um riskanten Alkoholgenuß in der Schwangerschaft zu ermitteln.

In Unkenntnis einer Schwangerschaft Alkohol getrunken, was tun? In den ersten zwei bis drei Wochen einer Schwangerschaft gilt das sogenannte „Alles-oder-nichts-Gesetz”. Entweder haben Alkohol, Medikamente oder andere Drogen die embryonalen Zellen nicht geschädigt, oder der Embryo stirbt und geht mit der einsetzenden Periodenblutung ab. Die Gefahr einer Schädigung in den weiteren Wochen der ersten drei Monate ist dagegen besonders hoch.
Viele Frauen sind in den ersten Wochen unwissentlich schwanger und trinken deshalb weiterhin Alkohol. Die meisten von ihnen bringen gesunde Kinder zur Welt. Ob es durch den Alkoholkonsum jedoch zu einer Beeinträchtigung gekommen ist, läßt sich jedoch nicht mit Sicherheit voraussagen.
Sobald die Schwangerschaft bekannt ist, sollte jedenfalls gar kein Alkohol mehr getrunken werden, damit sich das Kind im weiteren Verlauf ungestört entwickeln kann. Wem es allerdings trotz der Schwangerschaft schwerfällt, auf Alkohol zu verzichten, sollte sich nicht scheuen, sich Unterstützung bei einem Facharzt, der Hebamme oder Suchtberatungsstellen zu suchen. Viele haben ein schlechtes Gewissen oder schämen sich wegen ihres Alkoholkonsums in der Schwangerschaft und dafür, daß ihnen der Verzicht schwerfällt. Sich Rat und Unterstützung zu holen, statt zu schweigen, entlastet, und hilft sowohl der Frau wie auch dem ungeborenen Kind. Mit jedem Glas, auf das verzichtet wird, tut man seinem Kind etwas Gutes.

Da Alkohol nicht nur ins Blut, sondern auch in die Muttermilch geht, sollte man auch während der Stillzeit möglichst ganz auf Alkohol verzichten.
Bei Ausnahmen sollte man darauf achten, den Alkohol kurz nach dem Stillen zu sich nehmen, damit der Alkohol bis zur nächsten Stillmahlzeit wieder abgebaut werden kann.

Probleme mit zu häufigem Alkoholkonsum betreffen aber auch die zukünftigen Väter. Alkohol kann die Potenz und die sexuelle Lust herabsetzen. Bei übermäßigem und längerfristigem Alkoholkonsum steigt der Anteil der fehlgebildeten Spermien, und auch die Samendichte nimmt ab. Das bedeutet, dass zum einen die Zeugungsfähigkeit sinkt und zum anderen durch deformierte Samenzellen später beim damit gezeugten Kind Schädigungen auftreten.
Kinder von männlichen Alkoholikern zeigen häufiger Hyperaktivität und Beeinträchtigungen ihrer intellektuellen Fähigkeiten als die nicht trinkender Väter. Ist ein Mann, der ansonsten nur selten alkoholische Getränke konsumiert, während des Zeugungsaktes betrunken, hat dies in der Regel keinen Einfluß auf eine Alkoholschädigung des Ungeborenen.

Doch auch während der Schwangerschaft tragen Männer eine Mitverantwortung. Manchmal kann es belastend sein, wenn der Partner weiterhin Alkohol trinkt, während die werdende Mutter hierauf verzichtet, im ungünstigsten Fall kann sie dadurch sogar zum Weitertrinken animiert werden. Somit sollte sich jeder ganz genau überlegen, ob man sich ausgerechnet während der Schwangerschaft an dem Spruch „ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren“ orientieren sollte. Für die allzu große Leichtsinnigkeit der Eltern müsste sonst das Kind teuer bezahlen.

Peggy Bauer

Quelle: Radio-Freiheit